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Zuletzt aktualisiert: 24.09.2010 um 07:45 UhrKommentare

Bunter Abend mit Harry und Charly

Politik als Folklore. Wir begleiteten Franz Voves (SPÖ) und Hermann Schützenhöfer (ÖVP) im steirischen Wahlkampf-Finale. Franz Voves "kämpfte" in Leibnitz, Hermann Schützenhöfer in Niederwölz.

Foto © Kanizaj

Es ist der vorletzte Einsatz für Franz Voves: Hauptplatz Leibnitz. Die Paldauer sind schon dort. Der SPÖ-Chef sitzt noch im Dienstauto und erzählt vom dritten Enkelkind, das Anfang Oktober in Deutschland auf die Welt komme. Gerne möchte der Großvater nach der Sensation von 2005, als er die ÖVP nach 60 Jahren vom Thron stieß, noch eine Periode als Landeshauptmann anhängen, aber den Eindruck eines schicksalhaften Alles oder Nichts erweckt er nicht.

Abgeklärtheit

Es wartet nicht das Nichts. Und die Jahre in der Politik seien auch nicht das Alles gewesen. Voves, das Arbeiterkind aus der Grazer Puch-Siedlung, hat es nach oben geschafft, er durfte studieren, war Eishockey-Nationalspieler und Versicherungsmanager, ehe er 2002 quer in die Politik einstieg. Voves kann auch locker wieder quer hinaus. Das sagt er nicht, aber seine Abgeklärtheit sagt es; sie wird auch wenig später in der Wahlkampfrede durchscheinen. Furiose Entschlossenheit klingt anders.

Franz Voves hat seine Träume übererfüllt, das empfinde er als großes Glück, sagt er, er muss es nicht verbissen noch einmal erzwingen. Er habe gegeben, wozu er fähig gewesen sei.

Niederwölz ist schwarz wie die Trikotfarbe des SK Sturm. Sechs zu drei steht es im Gemeinderat für die ÖVP. Vor dem randvollen Mehrzwecksaal der kleinen Gemeinde des Oberen Murtals warten der Hendl-Express, die Musikkapelle und Peter Rapp auf den Einsatz. Auf der Bühne ist ein buntes Glücksrad zu sehen, in den vorderen Reihen der Wirtschaftsminister und Karl Brunner, den sie Charly nennen, Charly von Brunner & Brunner. Ein Video beschwört die steirische Heimat, in die Hermann Schützenhöfer naturnah hineingestellt wird. Die Gruppe Steierstoark singt die gleichnamige Hymne des VP-Wahlkampfs, komponiert von den Seern. Politik als bunter Heimatabend.

Der ÖVP-Spitzenkandidat zieht mit der Trachtenkapelle ein. Er ist der Ländlichere der beiden Gegenspieler, obwohl er im Gegensatz zu Voves in der Stadt lebt. Schützenhöfer trägt Tracht, der Landeshauptmann Jeans. Sie sollen Urbanität und Jugendlichkeit anzeigen, Abgrenzungsmerkmal zu seinem Herausforderer, dessen Textilauswahl Traditionsbewusstsein suggerieren soll. Schützenhöfer ist selbstsicherer geworden. Er hat sich und die traumatisierte Partei stabilisiert, er weiß um das Verdienst. Es gab Zeiten, da waren Schützenhöfers eigene Zweifel ebenso greifbar wie die der Partei. Nicht in Niederwölz.

"Man hat eine Nase", ruft der Kandidat in den vollen Saal. "Ich habe 2005 gespürt, dass was im Rutschen war. Und ich spüre jetzt, dass wir Geschichte schreiben können." Noch nie ist ein Landeshauptmann bei der ersten Wiederwahl gescheitert.

Geschickt in die Reden eingearbeiteter Populismus, der sich an den Rand des Ressentiments vorwagt: Auch damit soll die Rückeroberung vorangetrieben werden. Gut, der Herr Sarrazin mag da und dort unglücklich formuliert haben, räumt Schützenhöfer ein, aber für die 600.000 Muslime in Österreich habe zu gelten: "Arbeiten, Deutsch lernen und unsere Kultur zur Kenntnis nehmen". Unter den beschwerten Turnringen brandet Applaus auf.

Der "hiesige Landeshauptmann" habe die Steiermark wirtschaftspolitisch in ein "Kellerderby mit Kärnten" geführt, poltert Schützenhöfer, mit grünen Jobs wolle er das Land wieder an die Spitze bringen. Hätte das unter dem schwarzen Wirtschaftsreferenten nicht schon passieren können? Das Glücksrad schweigt.

An den emotionalen Höhepunkten der Reden geraten die Auftritte von Schützenhöfer und Voves zu einem bizarren Wettstreit um die Frage, wer auf die proletarischeren Wurzeln verweisen könne, wer das authentischere Arbeiterkind sei. Schützenhöfer erzählt die Geschichte seines Vaters, der als Bauarbeiter entlassen wurde, weil er nicht der "roten Gewerkschaft" beitreten wollte. Nie werde er jenen Moment vergessen, als der Vater mit dem leeren weißen Lohnsackerl in die Küche kam, erinnert sich der Redner mit brüchiger Stimme, und es lässt sich nicht sagen, ob es sich um dramaturgisches Geschick handelt oder um einen echten Gefühlsausbruch, auch wenn dieser sich allabendlich wiederholt. "Ich kenne die Ohnmacht der Arbeitslosigkeit, ich will nicht, dass sie Menschen ins Gesicht geschrieben steht."


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