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Zuletzt aktualisiert: 28.08.2010 um 20:16 UhrKommentare

Wenn ein schönes Land im eigenen Saft schmort

Wirtschaftstreuhänder Fritz Kleiner über die Häufung von Wirtschaftskriminalität, über Verfilzungen, über den verengten Blick eines Landes und die inhaltliche Leere.

Fritz Kleiner, Gutachter in spektakulären Wirtschaftsfällen

Foto © KLZ/KoscherFritz Kleiner, Gutachter in spektakulären Wirtschaftsfällen

Sie sind bei österreichischen Gerichten ein viel beschäftigter Stammgast. In den meisten großen Wirtschaftskriminalfällen werden Sie als Gutachter beigezogen, von der Bawag über Meinl bis zur Pleite gegangenen Finanzgruppe AvW. Muss man sich bei dieser Anhäufung von großen Wirtschaftsfällen mittlerweile nicht Sorgen um das gesamte System machen?

FRITZ KLEINER: Auffällig ist, dass sehr viele Wirtschaftskriminalfälle zugleich untersucht, erhoben, verhandelt werden. Wenn etwa die Kärntner Hypo Alpe Adria Group als Systembank gilt, die unbedingt gerettet werden musste, dann will ich das System gar nicht kennen.

In gewichtigen Fällen - etwa bei der Hypo in Kärnten oder der Buwog - spielen Politiker offenbar keine unwesentlichen Rollen. Ein alarmierendes Zeichen für den Zustand der Politik?

KLEINER: Wirtschaft, Geld und Politik zu trennen, ist unmöglich. Politik ist Machtverwendung, Wirtschaft ist Machtverwendung, Geld ist in beiden Fällen notwendig. Ich glaube aber, die Verquickung in unserem Land von Wirtschaft und Politik ist sehr hoch, zu hoch.

Das dürfte auch vor Jahrzehnten so gewesen sein. Diese Fülle von gerichtsanhängigen Fällen kannte man aber nicht . . .

KLEINER: Es kam nicht so hervor. Ich glaube, dass die modernen Medien, die Kommunikation, die Fähigkeit über Suchmaschinen vieles zu finden und zu durchleuchten, heute wesentlich sind. Und es sind größere Beträge im Spiel, unter zehn Millionen Euro geht gar nichts mehr. Es ist die Gier nach Geld.

Auch diese Gier kennt man schon seit König Midas . . .

KLEINER: Aber heute wird ja vielfach die bestechende Idee kommuniziert, schnell zu großem Geld zu kommen, ohne arbeiten zu müssen. Doch ohne zu arbeiten, kommt man eben nicht zu Geld. Punkt. Auf die Dauer jedenfalls nicht.

Schwächelt denn das Immunsystem gegen den Lockruf des Geldes? Man erinnert sich an Zeiten, in denen Politikern eine Grundsolidität zugestanden wurde, heute ist es bloß noch die Unschuldsvermutung.

KLEINER: Ich weiß, wo Sie hinwollen. Aber diese charismatischen Politikerpersönlichkeiten waren auch Einzelfälle. Freilich, jetzt sehe ich in der österreichischen Politik gar keine charismatische Person mehr. Man kennt sich nicht aus, was sie wollen, wofür sie stehen.

Also fehlen qualitativ hochwertige Politiker?

KLEINER: Sie müssen Wahlen gewinnen, damit sie ihren guten Job behalten. Ich wünsche mir Spitzenpolitiker, die auch einen guten, ertragreichen Hauptberuf außer der Politik haben, in den sie nach dem Ausscheiden aus einem öffentlichen Amt zurückkehren können.

Hat die Wirtschaft überhaupt Verwendung für abgetretene Politiker unseres Formats?

KLEINER: Oh ja. Als Lobbyisten, ein Lobbyist ist grundsätzlich nichts Schlechtes. Magna macht das großartig mit dem Einkaufen von Expolitikern.

Aber das gleitet ins Anrüchige ab, wie bei Ex-Kanzler Alfred Gusenbauer, der von der maroden Hypo Alpe Adria Group 60.000 Euro für guten Rat bekam . . .

KLEINER: Wenn Gusenbauer als ehemaliger Kanzler nicht mehr Ratschläge als für 60.000 Euro zusammenbringt, ist das nicht das Problem. Das sind vielmehr die Hackelschmeißereien, die den Neidkomplex schüren, da tun alle mit. Man sollte doch den fragen, der bezahlt hat, ob ihm die erbrachte Leistung das wert war.

Sie sagen Neidkomplex, das ist ein Trumpf in der Politik. Willst du bei Sozialleistungen kürzen, tue ich das bei Förderungen.

KLEINER: Das ist keine Politik, das ist Wählerkauf. Was bei uns betrieben wird vor Wahlen, ist ein Wählerkauf.

Mit dem Stichwort Wahlen erreichen wir die Steiermark. Welchen Eindruck haben Sie vom politischen Klima in diesem Land?

KLEINER: Die Wahlwerbung hinterlässt gar keinen Eindruck. Weder die gefalteten Hände noch der Blick zurück. Einen Plan, wofür steht diese oder jene wahlwerbende Partei, finde ich nicht.

Kann man mit konkreten Plänen noch Wähler ansprechen?

KLEINER: Bitte, seinerzeit sagte Kreisky, sechs Monate Bundesheer sind genug. Das reichte, um die Wahl zu gewinnen. Eine banale Aussage. Wir wissen, die tausend Experten des Kreisky gab es nicht. Aber es wurden damit Wissen und Intellektualität vermittelt. Jetzt versuchen die Regierungsparteien Wahlen zu gewinnen, mit der Versicherung, sie wollten keine Steuern erhöhen, wir müssten nur sparen. So dumm sind Wähler nicht. Sie hätten das Budget erstellen können, es wäre nichts passiert. In der Republik passiert sowieso überhaupt nichts.

Und in der Steiermark, passiert da was?

KLEINER: Die Steiermark ist ein schönes Land, ich lebe gerne da. Die Steiermark ist ein intellektuelles Land, mit Universitäten, die Montanistische Universität hat Weltruf, aber wir verkaufen uns ganz schlecht. In die Steiermark kommt man nicht.

Warum nicht?

KLEINER: Wegen der schlechten öffentlichen Verkehrsanbindung. Die Bahn schaut aus wie damals, als ich als Kind noch damit zum Schifahren fuhr.

Ist das nicht zu einfach, die Bahn ist die Wurzel des vermeintlichen Übels?

KLEINER: Ein Symbol dafür, wie es um das Land steht. Wir hatten einen großartigen kulturellen Hintergrund, den "steirischen herbst". Es gibt ihn zwar noch, aber wie. Ein Festival halt. Mir geht die Internationalität in Graz ab. Wir kochen im eigenen Saft und gefallen uns im Aufstellen von Lorbeerbäumen gegen irgendwelche Türken.

Reizte Sie es angesichts des von Ihnen festgestellten Ideenvakuums nie, den Landespolitikern wenigstens mit Rat beizustehen?

KLEINER: Ich halte mich von politischen Parteien fern, gebe aber Auskünfte, wenn man mich fragt. Allerdings wollen sich die Politiker durch die Auskunft nur bestätigt sehen. Ich habe mich in den 70er-Jahren einmal als junger Steuerberater um die steuerliche Betreuung einer Seilbahngesellschaft beim Land beworben. Da wurde mir gesagt, man müsse dafür ein Bekenntnis zu einer politischen Partei abgeben. Da sagte ich, dann mache ich eben keine Bilanz.

Wenn Sie die heutige Steiermark mit der vor 20 Jahren vergleichen, was kommt dann unter dem Strich heraus?

KLEINER: Ich habe den Eindruck, dass in der Steiermark der Blickwinkel im Vergleich zu früher enger geworden ist. Unabhängig von welcher politischen Seite. Der letzte weltgewandte Landeshauptmann war Josef Krainer.

Wenn Sie drei Wünsche bei den Landespolitikern offen hätten, welche wären das?

KLEINER: Es sind drei gleichwertige Wünsche: Die Verbesserung des öffentlichen Verkehrs, die hundertprozentige Verbesserung der Chancen bei Bildung und Ausbildung, mehr Internationalität für eine weltoffenere Steiermark.

INTERVIEW: CHRISTIAN WENIGER

Zur Person

Fritz Kleiner (64) ist in Graz Wirtschaftstreuhänder und Steuerberater. Der Jurist wurde österreichweit als Gutachter im Bawag-Prozess bekannt. Zu Helmut Elsner sagte er: "Wir werden schon sehen, wer zuletzt lacht." Dafür gab es eine Rüge vom Gericht. Er ist mit der Causa Meinl befasst, auch mit dem Verfahren gegen Finanzdienstleister Auer von Welsbach.

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