"Das Niveau sackt extrem ab"
Der steirischen ÖVP fehle die Modernität, die SPÖ vertreibe die Intelligenz. – Ein Gespräch mit dem bekannten Architekten Klaus Kada

Foto © Erwin ScheriauStar-Architekt Klaus Kada: "Mit der Angs wird Geschäft gemacht, mit ängstlichen Menschen lässt sich einfacher Politik machen. "
Womit assoziieren Sie den Begriff Steiermark spontan?
KLAUS KADA: Mit der Vielfalt der Landschaft, sie reicht vom Hochalpinen bis in sehr südliche, fast italienisch anmutende Formen. Das gilt ja auch für die Menschen.
Sie hatten Professuren in Deutschland, betreiben in Aachen ein Büro, was war der Grund für Sie, über all die Jahre hauptsächlich hier zu leben?
KADA: Siehe oben. Aber ich schätze, dass ich über lange Jahre etwa die Hälfte meiner Zeit im Ausland verbracht habe. Vor allem in Aachen, aber auch etliche Monate in München, Bremen und Düsseldorf.
Sie gehören zu einer Generation, die dem damaligen Bewahren viel Unruhe entgegengesetzt hat, sind Ihre damaligen Ziele erreicht worden?
KADA: Einiges hat sehr gut funktioniert. So ist zum Beispiel eine Diskussion um den Demokratiebegriff angestoßen worden, die heute noch nicht zu Ende ist. In der Steiermark hatten wir damals das Glück, dass ein Teil der Politik das auch zulassen wollte, personifiziert in Hanns Koren und dem alten Landeshauptmann Krainer. Die haben jungen Menschen Freiheiten gelassen und auch Kompetenzen zugeschrieben. Das gibt es heute überhaupt nicht mehr.
Und was ist weniger geglückt?
KADA: Zum einen haben sich die Konservativen dann rasch neu formiert, den größten Fehler aber haben die Sozialdemokraten gemacht, die sind korrumpiert und vom Kapitalismus aufgefressen worden. Die hehren Ansätze eines Sozialstaates sind verschwunden, gesellschaftliche Ideen wurden nicht weiter diskutiert. Weiters hat es nach dem Krieg, vor allem vonseiten der ÖVP, keine nennenswerte Bildungspolitik gegeben, das fällt nun auch den Parteien auf den Kopf, weil sie keinen intelligenten Nachwuchs haben, der Probleme erkennen und folgerichtig handeln kann. Man hat sich der sogenannten Sicherheit zugewandt, alles wird verregelt, für jeden Verstoß wird kassiert, in Wirklichkeit geht es nicht um Sicherheit, sondern um Geld. Ein Geschäft mit der Angst. Der Angst vor dem Sterben, der Angst vor CO2, der Angst vor Fremdem. Aber mit ängstlichen Menschen lässt sich halt einfacher Politik machen.
Merkwürdigerweise plakatiert der seit vier Jahren amtierende Vize-Landeshauptmann den Satz ?Die Steiermark kann mehr“, hat er womöglich recht?
KADA: Natürlich, jeder kann mehr, wenn er will, aber sein Wahlspruch vom letzten Mal hat mir besser gefallen, den hatte ich sogar im Büro aufgehängt: Ich will!
Und wurde genug gewollt?
KADA: Nein, im Gegenteil, die Parteien agieren total selbstreferenziell und in der Landesregierung werden überall Experten durch Polithanseln ersetzt. Damit entsteht eine dichtere Parteienlandschaft als eine Expertenlandschaft. Das Niveau sackt extrem ab, auch weil es keine intelligente Opposition gibt.
Dazu kommen wir noch, wo ordnen Sie sich politisch ein?
KADA: Als kritische Person, irgendwo dazwischen.
Welche Partei könnten Sie derzeit wählen?
KADA: Weder Rot noch Schwarz, am ehesten eine grüne Partei mit sozialer Komponente, die einem aber dennoch persönliche Freiheiten lässt und das Land nicht noch mehr verregelt. Aber ehrlich gesagt, mir fehlen Autoritäten . . .
. . . sagt ausgerechnet der aufmüpfige Herr Kada?
KADA: Ja, mir fehlen Leute, die vernünftig, eloquent und kritisch sind, die etwas leisten und die ein Ziel haben. Menschen, denen man mit Respekt begegnen kann. Die gibt es kaum noch, weder in der Politik noch in der Gesellschaft; Demokratie wird so verstanden, dass alle gleich sein sollen, und die Gleichen noch etwas gleicher.
em> Wie beurteilen Sie die jüngste Performance der steirischen SPÖ?
KADA: Die Intelligenz zu vertreiben, nur damit in der Partei Ruhe wird, das geht nicht, das ist der Sozialdemokratie unwürdig. Man kann zu Kurt Flecker stehen, wie man will, aber nur weil er etwas weiter links steht, kann man ihn doch nicht einfach abservieren.
Ihre Einschätzung der ÖVP?
KADA: Die ÖVP ist sich am treuesten geblieben, sie war nie modern, bis auf ein paar Ansätze unter den Krainers, aber die gibt?s nicht mehr.
Fällt Ihnen der Name des steirischen FPÖ-Obmannes ein?
KADA: Nein, aber der ganze FPÖ/BZÖ-Komplex ist die Folge einer rot-schwarzen Politik, die die Leute für so dumm verkauft, dass es schon fast strafbar ist.
Für blaue Stimmen sorgt ja zumeist der Bundesobmann Heinz-Christian Strache, wie gefällt Ihnen so ein Typ Politiker?
KADA: Das sind Leute, die von irgendwoher auftauchen, aber auch – und das ist das Erschreckende – ein Abbild der Gesellschaft, der uninformierten Gesellschaft sind. Und da sind wir wieder bei dieser verheerenden Bildungspolitik.
Die Grünen, dereinst eine Partei des Aufbruchs, treten österreichweit am Stand, warum kommen die nicht weiter?
KADA: Die Grünen sind halt auch Kinder der Gesellschaft und danach zu leben, was man kritisiert, ist wahnsinnig anstrengend. Aber immerhin setzten sich die Grünen für sehr konkrete Dinge ein, dafür bewundere ich sie fast.
In der Steiermark wird eine Therme nach der anderen gebaut, die dann zuschussbedürftig ist, was sollte stattdessen lieber gebaut werden?
KADA: Schulen, Hochschulen, Kindergärten, Stätten für Lehrerausbildung. Für ein neues Kindergartengesetz hat man dreißig Jahre gebraucht, da sind Generationen verloren gegangen,
Die steirische Architektur, besonders die Grazer Schule, zu deren Gründern Sie ja auch gehören, sorgte in den Siebziger-, Achtzigerjahren für ein kleines Wunder, kann man heute noch davon sprechen?
KADA: Wunder würde ich es nicht nennen, es hat einige sehr gute Leute hier gegeben, das stimmt. Der große Unterschied zu anderen war, dass wir auch wirklich bauen durften. Das ist jetzt unter dem Dauerdiktat des Sparens viel weniger möglich. Ich halte Sparen dann für nicht sinnvoll, wenn nötige Investitionen in die Zukunft verhindert werden.
Um welches Bauwerk, das Sie hier nicht realisieren konnten, tut es Ihnen am meisten leid?
KADA: (lacht) Da gibt es viele, wir haben den Bewerb für das Konzerthaus in Padua gewonnen, das ist in der Schwebe, jenen für Passau auch, dieses Projekt wurde abgesagt. Leid tut es mir um einen interkonfessionellen Andachtsraum, der in Wien auf der Platte geplant war und nicht zustande kam. Aber eigentlich habe ich Glück gehabt, meine wirklichen Lieblinge konnte ich alle bauen.
Woran soll man sich später erinnern, wenn der Name Klaus Kada fällt?
KADA: Mir würde reichen, wenn er ein Lächeln bewirkt.
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