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Zuletzt aktualisiert: 07.12.2011 um 22:00 UhrKommentare

Kampf um Lufthoheit bei der Fernwärme

Graz will mehr Industrieabwärme nutzen und die Abhängigkeit von der Estag verringern. Dort ist man irritiert und pumpt selbst Millionen in die Fernwärme.

Foto © Jürgen Fuchs

Der Fahrplan ist fixiert und unbestritten: Graz will die Fernwärmeanschlüsse in der Stadt in den nächsten 15 Jahren von derzeit 40.000 auf 80.000 verdoppeln. Um das zu erreichen, hat der Gemeinderat im Sommer einen Ausbauplan mit Förderungen und gebietsweisen Anschlusspflichten auf Schiene gesetzt. An der Frage, woher jedoch die zusätzliche Wärme kommen soll, scheiden sich hinter den Kulissen die Geister.

Derzeit stammen fast 85 Prozent der Grazer Fernwärme aus den Verbund-Kraftwerken in Mellach und Werndorf, bereitgestellt über die 20 Kilometer lange Transportleitung der Energie Steiermark. Für die Ausbaupläne will Graz nun aber nicht länger auf die fossile Wärme im Süden setzen. Der einst erwogene Bau einer zweiten Fernwärmeleitung nach Mellach ist längst vom Tisch, Bürgermeister Siegfried Nagl (ÖVP) und Vize Lisa Rücker (Grüne) haben die industrielle Abwärme für sich entdeckt. Die beiden Stadtspitzen verhandeln diesbezüglich mit mehreren umliegenden Industriebetrieben. Weit fortgeschritten sind die Gespräche mit der Gratkorner Firma Sappi. Allein die Prozessabwärme aus der Papierfabrik würde ausreichen, um den Ausbau für Graz bis 2020 abzudecken.

Wenig Freude hat man damit beim Verbund. Schließlich war es unter anderem die Fernwärmeversorgung für Graz, mit der man den Bau des neuen Gaskraftwerks Mellach beworben hat. Ist es künftig die Industrieabwärme, die der Landeshauptstadt einheizt, wackelt dieses Argument.

40-Millionen-Investment

Auch die Energie Steiermark kann sich für die Grazer Verhandlungen nicht erwärmen. Vor zwei Wochen hat der Konzernaufsichtsrat seinerseits eine 40 Millionen Euro schwere Fernwärmeoffensive abgesegnet. Rund 15 Millionen davon fließen in eine Kapazitätserweiterung der Fernwärmeleitung zwischen Mellach und Graz. Weitere 20 Millionen Euro gehen in eine Wärmeverteilanlage in der Grazer Puchstraße.

Der Grazer Alleingang im Norden passt da nicht unbedingt ins Konzept. "Die Stadtpolitik hat schon eine gewisse Passion für Traumprojekte", formuliert es Estag-Chef Oswin Kois. Zwar begrüßt man offiziell die Nutzung von Industrieabwärme. Allerdings kann der Konzern wenig strategisches Interesse daran haben, Einfluss auf die Wärmeversorgung der Landeshauptstadt abzugeben. "Ich wundere mich, dass die Stadt solche Gespräche führt, ohne uns einzubinden", kritisiert Kois. "Ohne die Energie Steiermark wird sich dieses Projekt kaum umsetzen lassen."

Bei der Stadt allerdings hält sich die Bereitschaft in Grenzen, den Landesenergieversorger an Bord zu holen. Nicht zuletzt geht es Nagl und Rücker darum, Graz ein Stück unabhängiger von seinem bisherigen Hauptwärmelieferanten zu machen.

GÜNTER PILCH

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