2010 regiert der große Sparstift
Die Krise hat auch ihre positiven Seiten, zeigt Freizeitforscher Peter Zellmann: Preis und Leistung müssen wieder stimmen. Das dicke Ende aber kommt 2010: Es trifft den Mittelstand.

Foto © APA/KLZ Digita/Helmuth Weichselbraun Noch hat die Steiermark die Krise nicht überstanden: Zurzeit wird der Sparstift noch häufig angesetzt
Professor Zellmann, stellen Sie als Freizeitforscher in der Wirtschaftskrise Veränderungen im Freizeitverhalten fest?
ZELLMANN: Die Menschen denken jetzt einfach mehr nach. Sie werden vorsichtiger, aber finden eigentlich zu persönlichen Qualitätskriterien zurück, die in den letzten Jahren vielleicht ohnedies zu kurz gekommen sind. Das Motto "näher und preiswerter" gilt nicht nur für den Urlaub in der Wirtschaftskrise, sondern auch im Privatleben. Das bedeutet aber nicht unbedingt den Verlust an Qualität. Es findet einfach ein Wechsel der Aktivitäten statt: Man ist aktiv - ohne viel Geld auszugeben. "Vernünftig" ist in.
Wer sind neben den vielen Verlierern die Gewinner der Wirtschaftskrise?
ZELLMANN: Man bleibt in der Nähe, verreist kürzer und mit dem Auto, mit der Familie -Österreich (und besonders die Steiermark) könnte zum kleinen Gewinner der größeren Urlaubskrise werden. Zum Beispiel die Freizeitbetriebe nahe dem Wohnort. Alles, was weniger Geld kostet, geht jetzt besser. Die Hochpreis-Luxus-Hysterie relativiert sich endlich. Wenn das Geld knapp wird, überlegt sich auch die Oberschicht ihre Gewohnheiten. Das Preis-Leistungs-Verhältnis muss jetzt stimmen.
Das ist eine sehr positive Entwicklung und zeigt, dass die Krise mehrere Chancen birgt. Denn die vielzitierte Spaßgesellschaft hat es in diesem Sinne ja nie gegeben, das war die von Medien aufgeschaukelte Beschreibung eines Lebensstils von wenigen, von 12 bis 14 Prozent der Bevölkerung, und nie wirklich repräsentativ -aber sehr überschriftentauglich.
Derzeit boomt der Verkauf von Flachbild-Fernsehapparaten und Billigbüchern, immer wieder ist auch von der Wiederkehr des Biedermeiers die Rede, also vom Rückzug auf den Bereich des privaten Heimes. Ist das der Trend?
ZELLMANN: Die Sozialforscher orten wirklich den Ruck zum "Biedermeier". Aber es ist eine postmoderne Biedermeierkultur, die wir feststellen - das Innehalten, die Einkehr auf sich und die Familie. Wir haben in den letzten 15 Jahren zu sehr beschleunigt. Jetzt müssen wir nachdenken, was unserem Leben überhaupt Sinn gibt. Eine Gesellschaft macht sich jetzt auf die Suche nach neuen Werten. Das ist ganz typisch für die Übergangssituation, in der wir uns befinden.
In welcher Übergangssituation befinden wir uns?
ZELLMANN: Wir haben uns vom Agrarzeitalter zum Industriezeitalter entwickelt und jetzt sind wir im Übergang zum Dienstleistungszeitalter, ganz besonders auf dem Gebiet der Informationen und des Wissens. Dieser Wandel ist derzeit in erster Linie privat feststellbar, denn hier ist eine Neuorientierung leichter auszumachen. So ein Übergang dauert zwei Generationen und wird traditionell nach den Tätigkeiten bezeichnet, die den Alltag der Menschen kennzeichnen.
Jetzt soll die Krise im Frühjahr 2010 auch den Alltag des Mittelstandes bei uns erreichen. Was wird das für uns bedeuten? Wie wird sich das Freizeitverhalten der Österreicher dann ändern?
ZELLMANN: Wir erleben jetzt ziemlich sicher das, was in der Wirtschaft als "W-Entwicklung" bezeichnet wird. Im Sommer war ein kleiner Aufschwung, aber für die Realwirtschaft des Mittelstandes folgen danach kräftigere Einbrüche, die auch auf den Trend im Freizeitverhalten verstärkt Einfluss nehmen werden. Im Alltag des Mittelstandes und des Durchschnittsmenschen (außer er ist bereits jetzt arbeitslos oder in Kurzarbeit) ist die Wirtschaftskrise bei uns ja noch gar nicht richtig angekommen. Und die meisten hoffen auch, dass sie gar nie den Mittelstand erreichen wird. Sollten sich für Österreich die Arbeitslosenprognosen jenseits der 400.000 aber bewahrheiten - wofür im Moment einiges spricht - kann man sicher folgern, dass erst heuer im Winter und dann im Frühjahr 2010 die Wirtschaftskrise den Mittelstand voll erfassen wird. Man wird 2010 also noch mehr sparen. Der Tiefpunkt wird dann in die Urlaubszeit des nächsten Jahres fallen, was der Tourismus sicherlich mehr zu spüren bekommen wird als heuer. Erst 2011 wird es dann wirklich bergauf gehen.














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