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Zuletzt aktualisiert: 08.02.2012 um 07:45 UhrKommentare

Alte Klischees, frischer Hass

Die Griechen sind ein gebeuteltes Volk, das vor selbst geschaufelten Abgründen steht. Hochgekochter Deutschen-Hass wird nur noch vom Hass auf die eigene Regierung übertroffen. Klar ist: Beides dürfte nicht den Weg aus der Dauer-Misere weisen. Von Thomas Golser.

Foto © Reuters

"Stolz und Vorurteil" ist ein 1813 veröffentlichtes Werk der britischen Schriftstellerin Jane Austen: Dass sein Titel auch zwei grundlegende Befindlichkeiten der knapp 140 Jahre später entstandenen EU wiedergibt, konnte sie nicht wissen. Und doch ist es so.

Feindbilder, Klischees, Wut

Allzu grobmaschig gestrickte Meldungen von einer deutsch-griechischen Feindschaft, von in jeder Hinsicht unbedarften, unfähigen und unwilligen Griechen und vom verhassten Tandem Angela Merkel/Nicolas Sarkozy machen sich vor allem in der Boulevard-Presse gut. Schütten noch mehr Öl in das Feuer der Wut, schaffen trügerische Feindbilder und bedienen alte Klischees. Bilder von einer breit grinsenden Angela Merkel mit der "SS-Sturmbinde" am Oberarm gehören mittlerweile zum Standardprogramm, wenn es darum geht, in Griechenland auf der Straße seine Wut gen Nordwesten zu artikulieren. Übertroffen wird dieser Hass nur noch vom Hass auf die eigene Regierung unter Lucas Papademos. So oder so tut es gut, die Lage etwas differenzierter zu sehen.

Der Verkauf von Teilen der griechischen Telefongesellschaft OTE an die Deutsche Telekom und ähnliche Deals kamen nicht gut an im griechischen Volk, doch die Vorurteile sind auch historisch gewachsen: Dass Hitler-Deutschland im Rahmen des Balkan-Feldzuges im Zweiten Weltkrieg hier eine Invasion startete, verankerte Skepsis und Abneigung über Jahrzehnte. Jeder, der z.B. einmal auf Kreta war und sich dort für Zeitgeschichte interessierte, weiß: Vieles blieb im kollektiven Gedächtnis zurück. Dass nun bei Protesten vor dem Parlament in Athen bereits deutsche Flaggen verbrannt werden, gibt allerdings ein jämmerliches Bild ab. Und es ist umso erbärmlicher, wenn man an die Außenwirkung denkt: Was ist eine Europäische Union noch wert, wenn unter seinen Mitgliedern schon Fotos die Runde machen, die an den ägypischen Tahrir-Platz erinnern?

Deutschland gebärdet sich im Moment wie ein überforderter Elternteil, der das schwarze Schaf in seiner Großfamilie zur Räson ziehen will, das taugliche Mittel dafür aber noch immer sucht. Die Legitimation dafür glaubt man als spendabelster Nettozahler in der EU zu haben. Griechenland pfeift schon chronisch aus dem letzten Loch, das Volk blutet aus. Jene darunter, die sich im Morast aus Politik und Korruption über viele Jahrzehnte satt gefressen haben, werden wohl niemals wirklich zur Rechenschaft gezogen werden. Wer fortan mit gerade noch 570 Euro Mindestlohn sein Auslangen finden soll, steht mit dem Rücken zur Wand - und wer insgeheim weiß, wenig daran ändern zu können, will sich wenigstens Luft verschaffen. Alleine: Wut ist kein guter Schuldenberater.

Das "Münchhausen-Prinzip"

Dass Griechenlands Regierung sich nach dem "Münchhausen-Prinzip" am eigenen Schopf aus dem Sumpf ziehen will, überzeugt niemanden - auch nicht das eigene Volk: Viele Griechen suchen ihre Ventile in Generalstreiks und Protesten, driften unter das Existenzminimum und suchen ihren Reststolz auf der Straße. Die EU ist weiterhin von einer erfolgreichen Behandlungsmethode entfernt - es sieht eher nach lebenserhaltenden Maßnahmen aus. Deutschland und Frankreich denken nun daran, neue Finanzhilfen nicht vollständig an Athen auszuzahlen und wollen Mittel auf einem "Sonderkonto" blockiert sehen. Der zuvor von der deutschen Bundesregierung vorgeschlagene "EU-Sparkommissar" für Griechenland käme laut Einschätzung der Griechen (und anderer Länder) einer budgetären Entmündigung gleich und wurde angesichts großer Empörung bis auf weiteres zu den Akten gelegt. Eine frühere Äußerung Merkels, die Griechen sollten doch weniger Urlaub machen und später in Pension gehen, trug einst wenig zur Völkerverständigung bei. Dass CDU- und FDP-Politiker Griechenland einmal aufgefordert haben, zur Bewältigung der Schuldenkrise einige Inseln zu verkaufen, schon gar nicht.

Dass deutscher Bierernst und griechische "Improvisations-Mentalität" traditionell nicht besonders gut zusammen gehen, verwundert kaum. Und: Die EU und Merkel, der selbst löchriges Krisenmanagement vorgeworfen wird, verlieren die Geduld. Ein Austritt Griechenland aus der Eurozone scheint konkret zu werden - und wird nun erstmals ohne große Umschweife angesprochen: "Es hieß immer, wenn man ein Land gehen lässt oder es um Austritt bittet, stürzt das gesamte Gebäude ein. Das stimmt einfach nicht", schlug EU-Kommissarin Neelie Kroes neue Töne an, während Merkel noch die üblichen Durchhalte-Parolen ausgibt. Dem EU-Volk, das die Griechen seit geraumer Zeit durchfüttert, ist die um sich taumelnde Kriseninterventions-Politik aus Schutzschirm, Hilfspaket und Schuldenschnitt kaum noch zu verkaufen. Die Lösungen klemmen nach wie vor, die Milliarden-Hilfen saßen dafür aber lange relativ locker - um dann zu verpuffen...

THOMAS GOLSER

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Bild vergrößernEine "Merkel-Theateraufführung"Foto © APA

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