"Niederlage ist gerechtfertigt"
Kapfenberg am Tag eins nach der großen Wahlschlappe der SPÖ. Der Verlust von 20 Prozentpunkten im roten Kernland der Steiermark hat dort kaum überrascht.

Foto © APAEin Blick auf Kapfenberg nach dem Wahldebakel der SPÖ
Kapfenberg am Montag gegen 13.30 Uhr. Auf dem Europaplatz, dem Zentrum der Stadt, steht eine kleine Gruppe junger Leute. Mit dabei ist auch der 20-jährige Almaz. Was er zur Wahlniederlage der SPÖ sagt? "Die ist voll gerechtfertigt", beeilt sich der junge Mann zu sagen. Warum? "Weil die SPÖ ungerecht ist. Sie will andere Meinungen als die ihre nicht akzeptieren", meint Almaz unter dem beifälligen Nicken seiner Freunde.
Ja, er sei zur Wahl gegangen, Grün habe er gewählt. Leider seien die Grünen nicht in den Gemeinderat gekommen. Ob die Jugend sonst nicht vorwiegend die FPÖ gewählt hat? "Nein", meint Almaz, "das waren die unzufriedenen Erwachsenen." Seine Freunde würden eher Grün wählen.
Auch für Eduard Ferstl ist die Niederlage nicht überraschend gekommen. Das Kapfenberger SPÖ-Urgestein hat aber das Ausmaß der Verluste dann doch nicht erwartet. "Die Brigitte ist unter ihrem Wert geschlagen worden", verteidigt er Bürgermeisterin Brigitte Schwarz. "Man mag zu ihr stehen, wie man will, aber sie ist kompetent und herzeigbar", urteilt der 79-Jährige, der eine klassische sozialistische Laufbahn vom SJ-Funktionär bis zum Gemeinderats- und Bezirksausschussmitglied durchlaufen hat. "Aber im Umfeld der Bürgermeisterin, da krabbeln zum Teil Leute herum! Das ist ein Jammer", klagt Ferstl.
Die Jungen arbeiten lassen
Die Jugend sei nicht unbedingt gegen die SPÖ, ist Ferstl überzeugt. "Aber wir alten Deppen müssen endlich loslassen und die Jungen arbeiten lassen." Ein Satz, den der 16-jährige Michael Peiner nur unterschreiben kann. Peiner ist frischgebackener Vorsitzender der Sozialistischen Jugend (SJ) Kapfenberg. Für ihn hat die Kapfenberger SPÖ das Image einer "Alte-Männer-Partei" - nicht nur weil vor allem ältere Leute sozialdemokratisch wählen. Im Gegensatz zu Almaz glaubt Peiner sehr wohl, dass die Jungwähler in Scharen die FPÖ gewählt haben. "Aber die Jugendlichen haben nicht gewusst, wen sie da konkret in Kapfenberg wählen. Die haben alle nur dem Strache ihre Stimme gegeben", ist er überzeugt.
Angst vor der FPÖ, das eint die Generationen in der SPÖ. "Die Geschichte wiederholt sich", befürchtet Ferstl. "Auch Mussolini und Hitler sind legal an die Macht gekommen." Peiner zieht ebenfalls Parallelen zu den 1930er-Jahren: "Die FPÖ hat gezielt mit den Ängsten der Leute gespielt. Es waren die Unzufriedenen, die Zu-kurz-Gekommenen, die die Freiheitlichen gewählt haben."
Vor dem Gasthaus beim Tor zum Werk VI sitzen zwei Böhler-Arbeiter. Wie sie den Wahlsonntag erlebt haben? "In der Bude, wir haben Schicht gehabt", sagen die beiden. Was sie zum SPÖ-Debakel sagen? "Das war vorauszusehen. Die tun ja nix für die Leute, die fühlen sich nicht von der Partei verstanden - und die Alternativen zur SPÖ waren da", lautet das Urteil.
Ein Kommunikationsdefizit ortet auch SJ-Vorsitzender Peiner in der Kapfenberger SPÖ. "Die Partei und Bürgermeisterin Schwarz haben nicht rübergebracht, was sie geleistet haben. Das müsste man stärker aufzeigen", ist Peiner überzeugt. Und schließlich müsse die SPÖ endlich vom Systemerhalter-Image wegkommen.
Müssen sich anstrengen
Für einen Passanten ist nicht nur die Kapfenberger SPÖ selbst schuld an der Niederlage. "Da gibt es viele Faktoren, die zu diesem Wahlausgang geführt haben", meint der Pensionist und zählt auf: SPÖ-Stiftung, die Verkleinerung des Landtags, die Jobverluste in der Industrieregion. "Die müssen sich wieder anstrengen, wenn sie gewinnen wollen."
Das sieht auch der SJ-Vorsitzende Peiner so: "Die SPÖ ist eine Arbeiterpartei, und Kapfenberg ist eine Industriestadt. Die Sozialdemokratie muss sich wieder ihrer alten Werte besinnen."
Features
Kapfenberg
Die Stadt Kapfenberg liegt in der Obersteiermark im Bezirk Bruck an der Mur und hat rund 23.000 Einwohner.
Im Jahr 1870 legten die Gebrüder Böhler den Grundstein für die Eisen- und Stahlindustrie in der Stadt.
SPÖ-Hochburg: Durch die Industrie wird die Stadt eine Domäne der SPÖ, die bei diversen Wahlen bis zu 83 Prozent einfahren konnte. Bei der Gemeinderatswahl 2005 erreichte sie 77,7 Prozent, jetzt hat sie 57 Prozent.














