Mixtape 2010: Musik zum Nicht-Liegenlassen
Die Definitiven, zumindest für den Autor: Zeit nehmen, zurücklehnen, genießen, herumspringen - der Musikgeschmack des Redakteurs darf gepriesen und verflucht werden. Hier die Favoriten von Thomas Golser. Viel Vergnügen.

Foto © klick klick - Fotolia.comEine C90 oder doch lieber eine C60?
Die Songs
1. Sivert Høyem - "Moon Landing": Der einstige Frontmann von Madrugada legte ein erstklassiges Soloalbum mit Monumenten von Liedern vor. "Moon Landing" ist der Titeltrack und selbst nach hundertmaligem Anhören fielen dem Autor absolut keine Verbesserungsvorschläge ein. Nimm mich bitte weiter mit zum Mond, Sivert.
2. The Coral - "Walking In The Winter": Das britische Quintett "The Coral" ist mit seiner Musik objektiv betrachtet 45 Jahre zu spät dran, hätte auch gut in die 1960er-Jahre gepasst. Aber die Melodien auf dem neuen Album "Butterfly House" sind wie eine lange Wunderkerze. "Walking In The Winter" kratzt am Kitsch, aber schön ist das doch.
3. Selig - "Von Ewigkeit zu Ewigkeit": Der Titeltrack aus dem neuen Selig-Album, das zweite in zwei Jahren nach einem guten Jahrzehnt Pause. Jan Plewka sang nie besser, und endlich hält das Songwriting über weite Strecken auch mit. Keine Innovationen hier, aber so einen Song muss man mal hinlegen. Der Autor wird selig beim Refrain.
4. Christian Scott - "The Eraser": Junger Trompeter covert eine Nummer von Radiohead-Kopf Thom Yorke. Was in einem Crossover-Debakel hätte enden können, ist nicht mehr und nicht weniger als genial. Gefällig, aber doch an den richtigen Stellen kratzig und nervös. Alle, für die das Wort "Jazz" bedrohlich ist, sollten hier reinhören. Fünfeinhalb Minuten Perfektion, zu finden ist die Sache auf "Yesterday You Said Tomorrow".
5. Paolo Conte - "L'orchestrina": Der singende Schnauzbart mit der gegerbten Stimme, so genial wie schon lange nicht mehr. Sein neues Album "Nelson" widmete er seinem verstorbenen Hund - und so kauzig wie das ist, sind auch die meisten Songs darauf. "L'orchestrina" lässt einen schmunzeln: "To be, to be, to be or not to be". Exakt.
6. Broken Bells - "Vaporize": Danger Mouse hatte mal wieder seine Finger mit im Spiel, "Vaporize" ist eine kleine Lieblingserklärung - vor allem an die Popmusik. Die ist noch nicht tot, obwohl sie schon im Pensionsalter ist. Viele "Lalala's", eine schöne Hammond, dazu zwei Gitarren und ein zwingender Refrain, garniert mit Trompete. Ein rundes Ding.
7. The National - "Anyone's Ghost": The National, völlig zu Recht in vielen Jahres-Bestenlisten zu finden, einmal mehr. "High Violet" ist ein prächtiges Album, vielleicht nicht das beste der Band, aber immerhin finden sich darauf Songs wie "Anyone's Ghost". Musik für die hoffnungslose Hoffnung. Und der Trommler, einer der Besten überhaupt momentan.
8. Neil Young - "Come Walk With me": Der gute alte Neil steuert munter auf die 70 zu - und die Betonung liegt hier auf "munter". Brachiale Akkorde, von Daniel Lanois ein wenig durch die Effektmaschine gejagt, dazu die weinerliche Stimme des Altmeisters. Auf "Le Noise" ist Lärm, wie man ihn hören will. Weniger ist mehr - mehr ist so viel weniger.
9. Bryan Ferry - "Reason Or Rhyme": Der größte Dandy von allen ist zurück. Bryan Ferry legte mit "Reason Or Rhyme" auf seinem neuen Album "Olympia" ein poliertes Schmachtstück allererster Klasse vor. Die Stimme wurde brüchig, die Sehnsüchte blieben die gleichen. Mit Roxy Music wird es wohl nichts mehr, aber das hier, das ist auch gut.
10. The Soft Moon - "Tiny Spiders": Musik für die Nacht, die dunkle: Mit dem fröhlichen Etikett "Post-Apocalyptic" wurde das Projekt "The Soft Moon" versehen. Elektro-Pop der düstersten Sorte, brachial und wuchtig. Joy Division, die frühen Cure, Echo & The Bunnymen schauen hier vorbei, aber Kerzen haben sie keine mitgebracht. Wieder nicht.
Die Alben
1. Sivert Høyem - "Moon Landing": Aus Norwegen kommt nicht nur seltsam riechender Käse und lustiges Bier. Ein erstklassiges Soloalbum, das zum Klassiker reifen wird, ist "Moon Landing" vom Ex-Madrugada-Sänger Sivert Høyem. Rock, mit ein wenig 1970er-Jahre-Duftnote und so wie er sein soll: Kein Gramm zu viel, kein Gramm zu wenig, keine Ausfälle, Bestnote. Wer das Doppelvinyl mit Klappcover findet, hatte Glück.
2. The Bambi Molesters - "As The Dark Wave Swells": Ein wirklich großartige Welle erwischte das unerschütterliche Surf-Rock-Quartett aus Kroatien. Vom Protokoll her Musik, die es seit Ende der 1960er-Jahre eigentlich gar nicht mehr geben dürfte, lebendiger denn je. Live superb, und die Platte ist voller zwingender Melodien mit viel Reverb. Wachst eure Surfboards und schickt dann die Tagträume munter darauf los.
3. Jackson Browne & David Lindley - "Love Is Strange": Danke für den Titel, aber das wussten wir schon selbst. Der legendäre Westcost-Songschmied hatte endlich wieder seinen kongenialen Multi-Instrumentalisten David Lindley auf Tour mit dabei und der veredelte ihm so manchen Klassiker. Festgehalten auf einem Live-Doppelalbum, auf dem nach dem 30. Mal nur die Zwischenansagen ermüdend werden.
4. The Coral - "Butterfly House": So viele schöne Momente, so viele ergreifende Melodien, das einem die eine oder andere Träne ins Bier tropfen mag. Hier tropft es auch, und zwar ein genialer Song nach dem anderen aus der Feder der Band. Es klingt sehr nach Sixties, es klingt schon nach den Byrds, nach den Beatles und es wurde ins Jahr 2010 gehievt. Und es ward Musik, und es ward gute Musik.
5. Crippled Black Phoenix - "I Vigilante": Die Band rund um Justin Greaves bleibt weiterhin rätselhaft - rätselhaft ist freilich auch, wie Alben von solcher Güte in Zeiten der iPod-Downloader überhaupt noch entstehen können. Ein episches Werk, das Mut zur großen Geste hat, aber auch feine Töne anschlägt. Komplexe Songs, die auch Pink Floyd gefallen würden. Als Rauswerfer gibt es "Burning Bridges" von einer ganz anderen Band.













