200 Jahre Charles Dickens
Er galt schon zu Lebzeiten als moralischer Superstar, ab 7.2.2012 feiert ganz England den Nationalhelden Charles Dickens, geboren vor 200 Jahren.

Foto © APA200 Jahre Charles Dickens
Er ist Englands Säulenheiliger der Dichtkunst, fast in Augenhöhe mit William Shakespeare. Ein Beleg seiner kultischen Großverehrung sind die kaum zählbaren Gedenkveranstaltungen rund um den Erdball. Von Vietnam und Sri Lanka über die Ukraine bis hin zu Simbabwe, Äthiopien und etlichen Staaten Südamerikas reicht der Reigen an Festivals, Konferenzen und Marathon-Lesungen; sie gelten einem Autor von Weltruf, dem nachgesagt wird, im viktorianischen Zeitalter mit Romanfiguren wie Oliver Twist, David Copperfield, aber auch mit dem geläuterten Ganoven Scrooge eine moralische Schubumverkehr ausgelöst zu haben.
Mehr noch: Nicht wenige Wissenschaftler sind der Meinung, dieser Charles John Huffam Dickens, der am 7. Februar 1812 in Landport bei Portsmouth geboren wurde, habe sogar Siegmund Freud vorweggenommen, eine Rolle, die der große Philosoph Theodor W. Adorno noch in eine weitere Richtung lenkte: Dickens sei zum Vorreiter einer neuen Anthropologie geworden.
Ein elastischer, großer Geist, in jedem Fall, aber auch ein Kind seiner anfangs erbärmlichen Zeit. Mit zwölf Jahren war er schon in einer Schuhfabrik tätig, während der Vater im Gefängnis saß. Dickens leuchtete in seinen Romanen alle Gesellschaftsschichten aus düster, bizarr, grotesk. Er beherrschte die literarische Cinemascope-Technik, vom großen Dickens-Kenner John Mullan auf den Punkt gebracht: "Obwohl viele Menschen keine Zeile von Dickens gelesen haben, ist er ihnen doch enorm vertraut, durch die fast endlose Adaptierung seiner Werke in Kinderversionen, Film oder Fernsehen". 2005 versuchte sich bekanntlich auch Roman Polanski an einer "Oliver Twist"-Version.
Der Dichter selbst bezeichnete sich als rastlos schweifendes Gespenst, da ist auch die Bereitschaft, häufig zynisch auf realen Spuk zu reagieren, nicht fern. Seine geniale Fähigkeit, feinst geschliffene Charaktere zu schaffen, hat in der Weltliteratur Seltenheitswert, seine sozialkritische Treffsicherheit und Selbstironie ebenfalls. In seinem reifsten Werk, "Große Erwartungen", taucht denn auch eine scheinbar lapidare Benennung auf, von einer "Vogelscheuche aus guten Verhältnissen".
Diese Vogelscheuche wird präsent bleiben. Denn in England gibt es längst zu allen erdenklichen Miseren eine markante Redewendung: "Was hätte wohl Dickens heute dazu gesagt?" Viel, sehr viel, und das meiste wäre noch weitaus unbequemer als jene Wahrheiten, die Dickens zu Lebzeiten zu Papier brachte.
Features
Fakten
Charles Dickens, geb. am 7. 2. 1812 in Landport bei Portsmouth, gest. am 9. Juni 1870.
Wichtigste Werke: "Oliver Twist", "David Copperfield", "Eine Weihnachtsgeschichte", "Große Erwartungen".
1922 wurde "Oliver Twist" erstmals verfilmt, seither folgten mehr als 100 Film- und Fernsehversionen weiterer Werke.
In London gibt es im Dickens-Museum eine Gedenk-Schau












