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Zuletzt aktualisiert: 09.03.2010 um 22:10 UhrKommentare

"Ich wünsche Priestern Partnerinnen"

Die Kirche sollte sich in Fragen der Sexualität ein Bußschweigen auferlegen, meint der Salzburger Religionspädagoge Anton Bucher.

Es gibt beinahe täglich neue Meldungen über Kindesmissbrauch durch Priester. Die Frage drängt sich auf: Leistet die zölibatäre Lebensform Menschen mit pädophilen Neigungen Vorschub?

ANTON BUCHER: Man muss die Frage differenziert beantworten. Es gibt sehr viele zölibatär lebende Menschen, die sich wirklich nichts zuschulden kommen lassen. Es gibt aber auch sehr viele, die den Zölibat nicht einhalten. Und ich sage es in aller Offenheit: Es ist Priestern zu wünschen, dass sie eine Partnerin haben. Studien - wie etwa jene des US-Psychologen Richard Sipe - belegen, dass es unter zölibatär Lebenden eine höhere Quote gibt, die über pädophile Neigungen verfügen.

Warum ist das so?

BUCHER: Die Sozialisation zum Priester erfolgte lange vielfach in nicht koedukativ geführten Internaten und in wohlbehüteten Priesterseminaren, sodass angehende Priester einfach nie Erfahrung haben sammeln können und ihre psychosexuellen Schritte nie haben ausreifen können. Die Zahl der Personen mit diesen Neigungen ist etwa doppelt so hoch wie im Schnitt.

Wie kommt es zu diesen Ergebnissen?

BUCHER: Die grundlegenden Studien dazu kommen aus den USA. Dort kann freier geforscht werden. Man sollte ähnliche Untersuchungen auch hierzulande durchführen, aber da ist die Bischofskonferenz meinen Erfahrungen nach sehr, sehr vorsichtig.

Vielleicht auch ängstlich?

BUCHER: Ja, Sie sagen es: ängstlich.

Warum sind meist Kinder die Opfer - ist das eine Frage der Macht?

BUCHER: Ja, zweifelsohne. Aber ich würde das stärkere Motiv in der Unfähigkeit sehen, mit gleichaltrigen Partnern "anzubandeln". Viele Zölibatäre wenden sich einfach an Menschen, die auf derselben psychosexuellen Entwicklungsstufe stehen wie sie selbst. Und das sind eben Kinder. Natürlich kann dann der Machtaspekt auch noch eine Rolle spielen. Aber es ist eher die Scheu oder die Unfähigkeit, mit Gleichaltrigen eine Beziehung einzugehen.

Gibt es unter den betroffenen Priestern eine Angst vor dem Weiblichen?

BUCHER: Das ist eine schwierige Frage. Aber wie gesagt: In einer Männergesellschaft wie in einem Priesterseminar kann man keine ganz normalen zwischengeschlechtlichen Erfahrungen sammeln. Dazu kommt dann die Frage: Wovor haben wir Menschen Angst? Doch vor allem vor dem Unbekannten. Und sicher wissen wir aus der Geschichte der katholischen Kirche: Die Frauen mussten für viele negative Projektionen herhalten. Meine These lautet: Die eigene, nicht verarbeitete Libido wurde oft auf die angeblich bösen, verführerischen Frauen projiziert. Und Projektion ist meist auch ein Indiz für Angst.

Ist der Zölibat allgemein ein Hemmnis dafür, frei über Sexualität sprechen zu können?

BUCHER: Ich würde das unumschränkt bejahen. Wann können wir über etwas authentisch reden? Wenn wir dementsprechende Erfahrungen gemacht haben. Und wenn ein zölibatär lebender Mensch über Sexualität redet, dann hat er ganz einfach nichts zu sagen. Das Wesentliche ist immer die eigene Erfahrung. Und wenn die Mutter Kirche ihren Priestern diese Erfahrung verwehren will, dann soll sie auch den zölibatär lebenden Menschen empfehlen, zum Thema Sexualität zu schweigen. Generell schiene es mir angemessen, wenn sich die Kirche in Fragen der Sexualität ein zehnjähriges Bußschweigen auferlegen würde. Aber ich kenne sehr viele Priester, die auch authentisch über Sexualität sprechen können. Das dürfen Sie getrost schreiben, denn irgendwann kommt man in ein Alter, in dem man sagen soll, was man denkt.

Wie alt sind Sie?

BUCHER: Kurz vor dem 50sten.

Ist die Sexualmoral der Kirche nicht generell überholt, wenn sie stark auf die Zeugung ausgerichtet ist und Begriffe wie Freude oder Lust an der Sexualität nicht vorkommen?

BUCHER: Da müsste man nur einmal im Alten Testament im "Hohelied der Liebe", einem Stück erotischer Weltliteratur, nachlesen. Wenn man daran anknüpfen würde, dann geht es um Freude. Ich denke, dass im Grund genommen alles erlaubt ist, sofern zwei Menschen dahinterstehen können.

INTERVIEW: WOLFGANG SOTILL

Fakten

Anton Bucher ist als Laie Religionspädagoge und Religionspsychologe an der katholisch-theologischen Fakultät in Salzburg

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