Wohlfühl-Askese, Zwangs-Askese
Viel ist nicht mehr geblieben von dem, was der Aschermittwoch einmal war. Heute ist er Teil unserer Wellnesskultur geworden, was den Absturz aus der Faschingszeit recht sanft macht.

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Und ich kehrte mich zu Gott, dem Herrn, zu beten und zu flehen mit Fasten, im Sack und in der Asche." Das ist eine Stelle aus dem Alten Testament, und zwar aus dem Buch des Propheten Daniel. Was Daniel abwenden möchte, "im Sack und in der Asche", ist schweres Unheil. Denn nach einer älteren Weissagung war es die Zeit, da Jerusalem wegen der Sünden des Volkes, namentlich seiner Führer, "siebzig Jahre wüst liegen" sollte.
Heute, etwa zweieinhalb Jahrtausende später, erinnert an jene Buße des Daniel noch immer der Aschermittwoch, der zugleich den Beginn der christlichen Fastenzeit markiert. Und noch heute ist es liturgischer Brauch, mit der Asche der Palmzweige vom letzten Jahr dem Gläubigen ein Aschenkreuz auf die Stirne zu spenden. Dabei spricht der Priester die Worte: "Bedenke, Mensch, dass du Staub bist und zum Staub zurückkehrst." So nämlich steht es in der Genesis. Es sind die Worte, die von Gott selbst gesprochen werden. Sie sind Teil jener Katastrophe, die durch den Sündenfall der ersten Menschen ausgelöst wird: der Verlust des Paradieses und, damit verbunden, ein schweres Leben, "im Schweiße deines Angesichts", an dessen Ende der Tod steht.
Auch Jesus ging in die Wüste, um vierzig Tage zu fasten. Es spricht für die innere Stärke einer Kultur, wenn ihre Bräuche aus der Tiefe einer so fernen Zeit gespeist werden. In den Visionen und Träumen der Propheten musste sich Archetypisches verdichtet haben, eine Ur-Symbolik der menschlichen Seele, welche bei aller Zeitgebundenheit des biblischen Ausdrucks doch eine zeitlose Botschaft mit sich führt. Es handelt sich einerseits um die Symbolik der Beschmutzung, Befleckung durch die Sünde als Folge eines gottfernen, allzu irdischen Lebens. Andererseits geht es um die Symbolik der Reinigung, die dadurch erfolgt, dass sich der Mensch von den weltlichen Genüssen abwendet. Sack und Asche: Das sind die äußeren Zeichen einer Askese, deren Bedeutung ganz und gar der religiösen Logik folgt.
Und hier nun beginnt das Drama der christlichen Kultur, das ein moderner Visionär wie Oswald Spengler in die Formel vom "Untergang des Abendlandes" packte - vor bald einem Jahrhundert. Was geht unter, was ist bereits untergegangen? Begehen wir nicht nach wie vor den Aschermittwoch, auch wenn wir nicht mehr in die Kirche gehen? Essen wir an diesem Tag nicht Fisch statt Fleisch? Haben wir nicht eine ganze Haute Cuisine der Fastenzeit entwickelt?
Schon diese Fragen zeigen die Richtung an, in der sich Spenglers Diagnose unterdessen bewahrheitet und verhärtet hat. Der ursprüngliche Sinn der Asche, die sich der biblische Fürst aufs Haupt streute, ja, in die sich der König von Ninive, nach dem Zeugnis des Propheten Jona, höchstpersönlich setzte, um im härenen Gewand von Gott Vergebung zu erflehen - dieser Sinn ist den meisten von uns fremd geworden. Askese hat für uns zwar immer noch mit "Entschlackung" zu tun, aber dabei denken wir fast ausschließlich an etwas verschwommen Spirituelles, falls es uns nicht überhaupt bloß darum geht, körperhygienisch endlich gegen unseren "Blähbauch" vorzugehen.
Das Spirituelle ist die Schrumpfform des Religiösen, bevor es sich endgültig auflöst. Durch einen Mix aus Esoteriken, die mit dem Christentum nicht das Geringste zu tun haben, schwebt vielen von uns bei dem Gedanken an Askese und Enthaltsamkeit eine "innere Reinigung" vor. Das ist über weite Strecken ein Unternehmen der Selbstliebe, bei dem alle möglichen Kräuter und Tinkturen, Waschungen und Meditationen, vermischt mit fernöstlichen Musiken und Stilleräumen, die Hauptrolle spielen, neuerdings auch - für jene, denen es gerade nicht an Zeit gebricht - energetische, kraftquellengespickte Weitwanderungen durch Wald und Flur.
Eine solche Form der Askese lässt sich fast bruchlos mit dem Hotellerie-Credo namens "Wellness" verbinden. Wer enthaltsam lebt (natürlich nicht, was Sex betrifft, das würde die erotische Aura deformieren!), der fühlt sich besser. Heute ist der Aschermittwoch Teil unserer Wellnesskultur geworden, was den Absturz aus der Faschingszeit recht sanft macht: Das Leben geht weiter, die Ballsaison auch.
Und von der Wohlfühl-Askese zur Antiblähbauch-Hygiene ist es weniger als ein Schritt. Daher ist für darmträge Workaholics der Aschermittwoch jedes Jahr eine gute Gelegenheit, sich darauf zu besinnen, dass man am Vormittag nicht zehn Tassen Kaffee trinken, zu Mittag nicht irgendeinen undefinierbaren Pampf in sich hineinstopfen und nach siebzehn Uhr am besten überhaupt nichts mehr essen sollte, außer vielleicht jenes Wohlfühlbauch-Joghurt, das in der TV-Werbung die liebende Gattin ihrem molligen Gemahl mit den Worten "Herbert, trink das!" resolut offeriert.
Es ist diese weltliche, ja hedonistische Kodierung des Beginns der Fastenzeit, die das ursprüngliche, das "abendländische" Verständnis des Aschermittwochs - wie auch anderer, im Ursprung religiöser Symboliken von großer existenzieller Kraft - zusehends auflöst. Die gebetsmühlenartigen Schönredereien über den "Sinn des Fastens" hängen uns bereits lange zum Hals heraus. Was an Ernst und Ernstzunehmendem noch geblieben ist, bewegt sich als Restgröße im Ethischen.
Wir haben zu Recht ein schlechtes Gewissen, wenn wir uns unserer Wohlfühl-Askese hingeben, ohne durch einen kleinen eigenen Wohlstandsverzicht die Daueraskese der Ärmsten zu mildern. In einer Zeit der Konsumwut, die sich der Bettler durch Bettelverbote erwehren zu müssen glaubt, wäre es ein karitativer und daher immerhin christlicher Akt, am Aschermittwoch Verzicht zu üben, indem man denen gibt, die, am Straßenrand hockend, zum Verzicht aus Lebensnot gezwungen sind.
*Peter Strasser ist Universitätsprofessor am Institut für Rechtsphilosophie, Rechtssoziologie und Rechtsinformatik an der Universität Graz.





















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