Bezirks- und Gemeindesuche
Susanne Scholl: "In Tschetschenien regiert das Mittelalter"
Russland-Expertin und Publizistin Susanne Scholl über das Land im Nordkaukasus.

Foto © Schlager
Sie haben Tschetschenien durch Ihre Reisen und als ORF-Russlandkorrespondentin kennengelernt. Wie beurteilen Sie die derzeitige Situation im Land?
SUSANNE SCHOLL: Bei meinen Reisen sagen mir die im Land verbliebenen Tschetschenen immer, wenn sie Verwandte in Österreich haben: Sag ihnen, sie sollen ja nicht zurückkommen, das ist viel zu gefährlich.
Aber die Region gilt seit 2009 als "ruhig", zurzeit herrscht dort kein Krieg.
SCHOLL: Natürlich hat sich die Situation gegenüber den Kriegszeiten verbessert. Zurzeit fallen dort keine Bomben, aber es ist ein Clan politisch an der Macht, der von Moskau freie Hand bekommen hat, gegen Gegner willkürlich vorzugehen, sie zu entführen, zu foltern, umzubringen. Auch künstliche Re-Islamisierungsversuche machen die Situation für die Bevölkerung nicht einfacher.
Die soziale Stellung der Frauen in Tschetschenien hat sich demnach auch verschlechtert?
SCHOLL: Früher war es für tschetschenische Frauen normal zu studieren, genauso wie Männer eine Ausbildung zu erhalten. Jetzt ist es anders. Oft haben die Männer die Konflikte nicht überlebt. Für alleinstehende Frauen, die nach Tschetschenien zurückkehren, wäre es wie eine Rückkehr ins Mittelalter. Ein menschenwürdiges Leben ist für sie ohne erwachsene männliche Verwandte kaum möglich, geschweige denn Zukunftsperspektiven für sich und ihre Kinder. Und da reden wir nur allgemein über die Situation im Land, ohne auf die individuellen Fluchtgründe der Familien, die es ja auch gibt, einzugehen.


















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