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Zuletzt aktualisiert: 01.02.2012 um 17:18 UhrKommentare

"Zettl": Temporeiche Satire mit Berliner Schnauze

In Helmut Dietls Satire "Zettl" geht Herbig den Weg vom Promichauffeur zum Chefredakteur bereits in der ersten halben Stunde und lässt dabei alle guten Vorsätze außen vor.

Karoline Herfurth und Michael Herbig

Foto © StudioKaroline Herfurth und Michael Herbig

"Unschlagbar charakterlos": Michael "Bully" Herbigs Selbstbeschreibung als Selfmademan Max Zettl ist nicht nur ein kleiner Nebensatz, sondern die große Lebensphilosophie. In Helmut Dietls Satire "Zettl" geht Herbig den Weg vom Promichauffeur zum Chefredakteur bereits in der ersten halben Stunde und lässt dabei alle guten Vorsätze außen vor - die ihm allerdings so oder so kein ernstes Anliegen sind. Am Freitag startet Dietls Fortsetzung seiner 80er-Jahre-Kultserie "Kir Royal" in den heimischen Kinos und gerät dabei über weite Strecken zum bloßen Schaulaufen deutscher Schauspielgrößen.

25 Jahre können aber auch so einige Erwartungen schüren: Mit dem Klatschreporter Baby Schimmerlos und Konsorten gelang Dietl ein Sittenbild der Münchner Promigesellschaft inklusive aller absurder Geheimnisse und intriganten Verwicklungen. Da Franz Xaver Kroetz seine Rolle nicht mehr aufnehmen wollte, knallt im von Ivan Steiger liebevoll gestalteten Comicvorspann Schimmerlos mit dem Motorrad an das Brandenburger Tor und segnet das Zeitliche. Es folgt der Auftritt Zettls, der als Fahrer die Reichen und Schönen kutschiert, auch gleich einen wohlhabenden Schweizer Financier (Ulrich Tukur) am Haken hat und die Beerdigung von Schimmerlos gekonnt inszeniert.

Jeder mit jedem

Dass das bunte Treiben mittlerweile in Berlin stattfindet, ergibt zwar optisch einen anderen Hintergrund, der Tenor bleibt aber derselbe: Jeder steigt mit jedem ins Bett, solange am Ende ein Vorteil daraus erwächst - und wenn es nur darum geht, die Leichen im Keller zu identifizieren. Ein schwäbelnder Ministerpräsident (Harald Schmidt schon zu überzeichnet) ist ebenso mit von der Partie wie ein dem Alkohol erliegender Bundeskanzler (Götz George mit wenigen, dafür aber einprägsamen Auftritten) oder eine Oberbürgermeisterin mit Ambitionen (Dagmar Manzel mit gelungener Berliner Schnauze). Darüber hinaus gibt es ein Wiedersehen mit alten Bekannten, wenn Senta Berger als Mona Mödlinger und Dieter Hildebrandt als Fotograf Herbie Fried vergangene Tage aufleben lassen und für ruhigere Zwischentöne sorgen.

Zettl kennt sie alle, wird vom Schweizer Milliardär kurzerhand für den Chefposten des neuen Revolverblattes "The New Berliner" auserkoren und tänzelt in der Folge auf einem Drahtseil, an dem er selbst immer wieder zu rütteln beginnt. Makabere Storys werden hin und her geschoben, der mittlerweile querschnittsgelähmte Herbie mit Kamera in ein Krankenhaus eingeschleust und das politische Geschehen der Bundesrepublik gekonnt gesteuert. Herbig gewinnt seiner Rolle sogar sympathische Seiten ab, bleibt als charmanter Lügner aber zu sehr seinem bekannten Spiel am Rande der Comedy verhaftet und zieht die ohnehin absurde Handlung weiter ins Lächerliche.

Dietl kann in seiner temporeichen Inszenierung des gemeinsam mit Benjamin von Stuckrad-Barre verfassten Drehbuchs zwar auf gelungene Bilder, witzige Querverweise und ein mit Sunnyi Melles, Gert Voss und Karoline Herfurth bis in die kleinsten Rollen großartig besetztes Ensemble zurückgreifen, fährt den Film letztlich aber beinahe an die Wand. Ganz dem Titel gemäß verzettelt er sich in Nebenschauplätzen, hat schon zu Beginn zu viele Bälle in der Luft und lässt dem Zuschauer kaum Zeit, sich diesem Potpourri aus skandalträchtigen Politikern, sexuellen Gefälligkeiten und stereotypen Journalismusbildern entsprechend nähern zu können. Es bleibt Stückwerk, das Aufstieg und Fall Mächtiger immer und immer wieder aufrollt - und dabei den Blick für die Nuancen verliert. Seine amüsanten Momente darf man "Zettl" zwar nicht absprechen, aber nach knapp zwei Stunden wird man das Gefühl nicht los, dass hier mehr möglich gewesen wäre.


Trailer

 
"Zettl"

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